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Wie aussergewöhnlich waren die Haselblüten im November und Dezember 2015?

Wie aussergewöhnlich waren die Haselblüten im November und Dezember 2015?

Autor: Jürg Röthlisberger, roethlisbergercham@bluewin.ch | Eintrag erstellt am 31.01.2016

Die frühe Haselblüte im Winter 2015/16 ist weit verbreitet und in den letzten 20 Jahren einmalig. Vor dem Silvester 2015 dokumentierte der Zuger Biologe Jürg Röthlisberger 113 einzelne teilblühende Haselsträucher an 82 Standorten vom Baselbiet bis ins Tessin. Die Sträucher fand er auf Höhen zwischen 375 und 945 Metern über Meer. Seine Daten decken sich mit anderen Netzwerken der Schweiz. In den systematischen Aufzeichnungen seit 1993 blühen Haseln durchschnittlich jeden zweiten Winter bereits im Dezember, jedoch nie in so grosser Zahl wie in diesem Winter. Diesen Beitrag hat Jürg Röthlisberger mit Hilfe seiner Beobachtungen und Analysen verfasst.

Schon am 3. Dezember erschien im MeteoSchweiz-Blog (Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz) ein Beitrag, der auf blühende Haseln in verschiedenen Teilen der Schweiz hinwies. Dies deckte sich mit einzelnen Meldungen Dritter und vor allem mit den eigenen Beobachtungen: Am 6. Dezember sah ich ebenfalls den ersten eindeutig angetriebenen Strauch im Loreto-Quartier (Gemeinde Zug, 500 m.ü.M.). Am 8. Dezember stäubten an vier Stellen im Kanton Zürich gleichzeitig die ersten Kätzchen, am 10. Dezember beobachtete ich drei Mal den Blühbeginn eines Haselstrauchs auch für den Kanton Zug.

Bis zur Silvesternacht notierte ich 115 angetriebene und 113 (teil-)blühende Sträucher, vor allem aus den Kantonen Zug und Zürich, wenige auch in den Kantonen Aargau, Basel-Land, Luzern, Schwyz und im Tessin. Die Blüh-Phänomene verteilten sich ziemlich regelmässig zwischen 375 und 945 Metern über Meer. Die normalerweise tieferen Temperaturen in höheren Lagen wurden durch die geringere Nebelhäufigkeit und damit bessere Sonneneinstrahlung offensichtlich ziemlich genau kompensiert.

Die 113 Blühmeldungen bezogen sich auf 82 Standorte. Einige davon wurden also mehrmals aufgesucht. Dabei bestätigte sich vor allem die nach einem vorzeitigen Start meist sehr langsame Weiterentwicklung (siehe «Methode»). Bei 85 von 113 Blüh-Beobachtungen waren nur 1 bis 10 Prozent der Kätzchen entwickelt. Im Wiederholungsfall steigerte sich der Blüh-Prozent-Anteil nach 1 bis 2 Wochen oft nur geringfügig oder gar nicht. Ein einziges Mal beobachtete ich eine wirkliche Vollblüte: 27. Dezember 2015, Kilchberg (Zürich, 510 m.ü.M.)

Die ungleiche Verteilung auf die Kantone war natürlich durch meinen Aktivitätsradius bedingt, welcher sich im Dezember 2015 auf Zug und Zürich konzentrierte. Auffallend mager blieb aber die Ausbeute im Kanton Tessin: Zwei Exkursionen am 9. und am 28. Dezember, mit Einbezug auch der wärmsten Gebiete (Südhänge im Raum Gordola – Locarno) ergaben nur gerade eine einzige Blühmeldung am (28.12., 706'520/146'890, 680m, SE Chiggiogna/Leventina), so wie 4 «Angetriebene» (auch am 28.12.) in Meereshöhen zwischen 295 Metern und 1150 Metern. Vermutlich wirkten die Wasserknappheit und die zwar hohen – aber im Vergleich mit  andern Jahren auf der Alpensüdseite nicht extremen – Temperaturen eher bremsend.

Vergleich mit andern Jahren

Die älteste Dezemberblüte eines Haselstrauchs in meiner Sammlung rekonstruierte ich aus einem Beleg des Universitätsherbars Zürich für den 26. Dezember 1906 in Lugano. Die älteste eigene Beobachtung stammt vom 28. Dezember 1982 (Neggio/TI, 712'000/93'900, 400 M.ü.M., 10% der Kätzchen blühten). In 12 meiner 23 Beobachtungsjahren seit 1993/94 wurden aber in Dezembermonaten teilblühende Haseln gesehen, also praktisch jedes zweite Jahr. Die angetriebenen aber noch nicht aufgeblühten Sträucher (erst seit 2001/02 systematisch registriert) fehlten nur im Dezember 2004 und 2010.

Aussagekräftiger erscheinen die absoluten Zahlen: Die 113 Blühereignisse von 2015 wurden in den «nächstbesten» (oder «nächstfrühesten») Dezembermonaten 2002 und 2000 nur gut zur Hälfte erreicht. Die Zahlen für die extrem milden Winter 1994/95 (28) so wie 1993/94 (15) sind mit der damals erst im Aufbau begriffenen Methodik möglicherweise etwas zu tief. In allen andern Jahren gab es weniger als 10 Dezember-Hasel-Blühereignisse. Die einzige Vollblüte vom Dezember 2015 war auch rückblickend eine extreme Ausnahme: Bestätigt hat sie gerade nur eine gleiche einzige Vollblüte am  27. Dezember 2002 (678'210/226'120, 415m, Seeufer bei Cham/ZG). 

Novemberblüten der Hasel sind nichts neues

Tatsächlich sind auch Novemberblüten der Hasel in Extremfällen möglich. Die wenigen punktuellen Informationen machen eine systematische Klassierung schwierig. In meinen Aufzeichnungen finden sich Meldungen vom 30. November 1994 (677'500/247'200, 600m, Uitikon/ZH, mündliche Mitteilung Markus Sieber), 19. November 1998 (684'760/245'990, 435m, Botanischer Garten Zürich) und 30. November 2002 (719'350/96'340, 590m, Aldesago bei Lugano). In den Novembermonaten 2000, 2002 und 2008 registrierte ich ausserdem vereinzelte angetriebene, aber noch nicht aufgeblühte Haselsträucher. Es wäre wünschenswert, wenn die summarischen Angaben über Haselblüten Ende November 2015 in Kommentaren zum Meteo-Blog noch präzisiert und dem phänologischen Beobachtungsnetz zugänglich gemacht würden.

Vergleich mit andern Arten

Es besteht der Eindruck, dass auch die gegenüber der Hasel meist etwas verspätete Grauerle (Alnus incana) gewisse Parallelitäten im Blühverhalten aufweist: 2 mal Dezemberblüten im Jahr 2000, je einmal 2002 und 2014, aber 6 mal im Dezember 2015! Dies stützt sich allerdings auf wesentlich weniger Beobachtungsmaterial von insgesamt 2200 Einzeldaten.

Früh, aber nicht aussergewöhnlich erscheinen im angebrochenen Winter die traditionellen Garten-Vorfühlings-Blüher, wie Schneeglöcklein (Galanthus nivalis, elwesii, ikariae), Garten-Primeln (Primula sibthorpii), Narzissen-Blätter (Narcissus pseudonarcissus; verschiedene Gartenformen). Beachtung verdient für die Phänologie-Beobachter das Nicht-Erfrieren von Herbstblühern wie etwa Brenn-Nessel (Urtica dioica), Ackersenf (Sinapis arvensis), subspontane Raps-Vorkommen (Brassica napus), Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris), Wiesen-Klee (Trifolium pratense), Sonnenwend-Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia), Büschelblume (Phacelia tanacetifolia) oder Acker-Vergissmeinnicht (Myosotis arvensis).

Ausblick: Mosaike mit mehr als einem Monat Unterschied

Haselsträucher sind eigenständige Individuen und zwar oft recht knorrige. Häufig entwickeln sie gerade bei vorzeitiger Blüte nur einzelne Kätzchen wie als Probelauf, und es kann auch bei einigermassen günstigem Witterungsverlauf recht lange, bis über einen Monat dauern, bis wirklich der ganze Strauch in Blüte steht. Die wirtschaftliche Bedeutung als Nussproduzenten haben die Haseln mindestens nördlich der Alpen zwar fast vollständig eingebüsst, aber durch die jahrhundertelange Kultur lokal angepasster Rassen ist eine genetische Vielfalt entstanden, die sich zwar morphologisch kaum charakterisieren lässt, die sich aber in den unterschiedlichen Blühterminen niederschlägt. Haselsträucher reagieren sehr stark und schnell auch auf kleine ökologische Einflüsse, aber am gleichen Standort längst nicht alle gleich. Gerade die aktuellen Dezemberblüten sind nie flächendeckend. Es kann Mosaike in den Phänophasen mit mehr als einem Monat Unterschied am praktisch gleichen Standort geben.

In den Januartagen bis zum Abschluss des vorliegenden Textes ist es kaum kälter geworden und die Phänophasen haben sich zügig weiterentwickelt. In den Jahren 1993 bis 1995 folgten auf den milden Jahreswechsel fast Frost-freie Vorfrühlingsmonate. Im Winter 2001/02 setzte nach einem vergleichbaren Dezember eine Kältewelle dem munteren Treiben um den Jahreswechsel ein jähes Ende, und im Winter 1998/99 wurden die gut vorgerückten Phänophasen durch gewaltige Schneemengen im Februar fast für einen Monat gestoppt. Ein deutlicher Wintereinbruch mit Kälte und Schneefällen kurz nach Mitte Januar hat in diesem Winter die Entwicklung etwas gebremst. Aber die Vegetation ist Ende Januar – gemessen an der Jahreszeit – in phänologischer Hinsicht immer noch sehr weit vorgerückt.

 

Methodik der Datenerhebung

Seit 1993/94 beobachtet Jürg Röthlisberger die Entwicklung der Haselsträucher (Corylus  avellana L. s.l.) nach der Zeitreihenmethode. Das Vergleichsmaterial von 23 Jahreszyklen umfasst 27'500 Einzelangaben, welche sich auf das Antreiben, Stäuben und Verwelken der Blütenkätzchen, sowie auf das Austreiben der Blätter bis zu ihrer endgültigen Grösse beziehen. Als «angetrieben» (Varianten «schwach angetrieben», «stark angetrieben») werden Sträucher mit Kätzchen bezeichnet, die zwar noch nicht stäuben, aber gegenüber der kompakten Herbstform doch schon eine gewisse Auflockerung zeigen.

Die eigentliche  Blüte  wird im Prozentanteil jener männlichen Kätzchen ausgedrückt, welche stäuben oder wenigstens bei weniger  feuchtem Wetter  stäuben würden. Kaum in die Interpretation fliessen die viel schwieriger beobachtbaren kleinen roten Narben. Vermutlich sind die Haselsträucher mit Ausnahme der imText nicht vorkommenden Korkzieherhaseln - forma «contorta» schwach proterandrisch; das heisst, dass sich die männlichen Blütenorgane leicht vorzeitig entwickeln. Gefühlsmässig schätze ich eine umso deutlichere Proterandrie, je früher und je zögerlicher die Sträucher zur Blüte gelangen.

Nicht diskutiert wird das häufig zu beobachtende und möglicherweise reversible Grünlich-werden der Kätzchen, das an einem Teil der Sträucher (nicht an allen) möglicherweise eine Vorstufe zu «angetrieben» im Sinne dieses Textes darstellt. Durch die lange Beobachtungsdauer sind gewisse Fluktuationen nach Datenmenge und Beobachtungsorten von Jahr zu Jahr nicht zu vermeiden, bedingt vor allem durch temporäre Abwesenheiten und Konkurrenzierung des Einsatzes mit anderweitigen Interessen und Verpflichtungen. In den Jahren 1993-2000, so wie 2006 und 2008 erfolgte ein Teil der Beobachtungen durch von mir in der Methodik vorgängig ausgebildete Assistenten.

Blühende Hasel am 12. Dezember 2015. Zum Autor des Textes: Jürg Röthlisberger (1946) ist Gymnasiallehrer und Biologe in Cham ZG. Seit Jahrzehnten beobachtet er den Jahresverlauf der Pflanzen.